Jainismus – indische Religion der Gewaltlosigkeit (IRB Blog-Archiv)

Die Symbole der Jains: hier
Im 6./5. Jahrhundert v. Chr.  entsteht der Jainismus – die Religion der Jainas/Jains – etwa parallel zum Buddhismus  in Indien. Das Wort kommt von „Jaina = Sieger. 
Als Gründer gilt übewiegend der fast mythische „Furtbereiter“ Tirthankara Rishabha. Der von manchen auch als Gründer des Jainismus angesehenene Vardhama (= „großer Held“ – Mahavira) dürfte eher zu den folgenden Reformern gehören. Er lebte wahrscheinlich von 599 – 527 v. Chr.). 
Nicht so einflussreich wie der Buddhismus – ist diese Religion besonders durch ihr strenges Prinzip des „Ahimsa“ (das Nicht-Verletzen auch des geringsten Lebewesens) bekannt geworden. Das kommt besonders in dem Asketen Gomateshavara(auch Gommata oder Bahubali genannt) zum Ausdruck, der als „Luftbekleideter“ um der konsequenten Durchsetzung der Gewaltfreiheit völlig nackt lebte. Berühmt ist in diesem Zusammenhang die Tempelanlage im südindischen Shravanabelagola mit einer 18 Meter hohen Statue von
Rishabha, der „Furtbereiter“ des Jainismus (Foto: IRB)
Der Jainismus
gehört also zu den indischen Reformreligionen, die konsequent für die „Ehrfurcht vor dem Leben“ eintreten und darum auch jegliche Gewalt und
das Töten selbst des kleinsten Tieres ablehnen. Sie sind also auch nicht nur Vegetarier, sondern auch überwiegend Veganer.
Diese im Westen nicht so bekannte asketische Religion hat sich bis heute in
Indien erhalten und zählt etwas mehr als vier  Millionen Anhänger.

Homepage Jainpedia —Institute of Jainology (Stanmore, UK)

 
Der Zeitrhythmus der Jainas wird dadurch bestimmt, dass sich zwei Weltperioden ewig ablösen. Die Jainas beginnen ihre Zeitrechnung  mit dem Todesjahr Mahaviras ( = 527 v. Chr.).
Im Jahr 2000 n. Chr. begann (in der Berechnung der Sonnenjahre)  das Jahr 2527 der Mahavira Nirwana-Ära.
Cover von Ein Schatzhaus indischer Erzählkunst – Die Erzählliteratur der Jainas
— Oberlies, Thomas: Ein Schatzhaus indischer Erzählkunst – Die Erzählliteratur der Jainas.
Band 1: Ein „Lesebuch“ originalsprachlicher Texte. Wiesbaden: Reichert-Verlag 2024 — ISBN: 9783752003154
PDF-Symbol Leseprobe 100,6 KB — PDF-Symbol Inhalt 37,2 KB
— Oberlies, Thomas:
Ein Schatzhaus indischer Erzählkunst –– Die Erzählliteratur der Jainas
Band 2: Ein „Lesebuch“ originalsprachlicher Texte zur jainistischen „Universalgeschichte“
samt eines Jaina-Māhārāṣṭrī-Wörterbuchs zu allen Text- und Lesestücken.
Wiesbaden: Reichert-Verlag 2026, 764 S. — ISBN: 9783752009354 — 
PDF-Symbol Leseprobe 2,0 MB — PDF-Symbol Inhalt 682,7 KB

 

Peter Flügel / Heleen De Jonckheere / Renate Söhnen-Thieme, Renate, eds. (2023):
Pure Soul: The Jaina Spiritual Traditions. London: Centre of Jaina Studies, SOAS.
 
Ausstellung Museum Rietberg – Zürich –  (18.11.2022-30.04.2023) — Mit Fotos und Begleitinformationen — Katalog zur Ausstellung:  «Jain sein – Kunst und Kultur einer indischen Religion» (18.11.2022–30.4.2023)

Hg.:  Johannes Beltz, Michaela Blaser, Marion Frenger, Patrick Felix Krüger, Harsha Vinay. Berlin: Hatje Cantz, 2022, 184 S., 70 Illustr. —  ISBN 978-3-7757-5349-4
Verlagsinformation >>>  Leseprobe + 12 Bilder >>>

Foto: Skulptur des Suparśvanātha — Jainism – wikipedia.en

Patrick Felix Krüger: Jainismus. Eine indische Religion der Gewaltlosigkeit.
Stuttgart: Reclam 2022, 222 S. 14 Abb.  — ISBN: 978-3-15-014314-8 — 

Feste
  • Mastakabhiseka – Salbung des Kopfes des mythischen Bahubali,
    der als erster die Befreiung erreichte
  • Paryushana-Parva – Große Fastenperiode
  • Mahavira Jayanti: Geburtstag von Mahavira
    mit dramatischen Aufführungen aus seinem Leben
  • Diwali / Divali (parallel zum Hinduismus)
King Siddharta listens to an astrologer forecast — the conception and birth of his son, the Jina Mahavira:
Folio from a Kalpasutra manuscript; late 14th century: Source: 
Home – The Metropolitan Museum of Art (metmuseum.org)
Aus der Einladung zur 2. Internationalen Jain-Konferenz, 19.-22. März 2021 (Webinar)

Die Heiligen Orte der Jainas sind beeindruckende Pilgerstätten. Dazu gehören u.a.
>>> 
Die Jain-Tempel auf dem Mount Abu  und >>> Shravanabelagola in Südindien (art and archaeology)

 

Tempelkomplex von Shravanabelagola in Südindien (Wikipedia)

Rezension

Die Erlösungslehre der Jaina – Legenden, Parabeln, Erzählungen. Aus dem Sanskrit und Prakrit übersetzt und herausgegeben von Adelheid Mette. Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel-Verlag Berlin 2010, 452 S., Abb. (mit Kommentar, Stellenkommentar und Glossar)
— ISBN: 978-3-458-70023-4 —
Verlagsinformation >>>

Der Jainismus gehört in Deutschland zu denjenigen Religionen, die neben den Spezialisten nur wenig kennen dürften, und doch ist sie eine bedeutende Ausprägung indisch-spiritueller Traditionen. Die Indologin und Tibetologin Adelheid Mette von der Universität München hat nun den beeindrucken Versuch unternommen, im Rahmen des Verlags der Weltreligionen, eine Auswahl der Originalquellen zur Erlösungslehre der Jaina vorzustellen und mit einem ausführlichem Kommentar zu versehen. Diesen sollte man vielleicht zuerst lesen, denn hier wird die Begrifflichkeit, die monastische Lebensweise der Mönche, Nonnen und Laien, die verschiedenen Glaubensrichtungen bis zur Moderne, Kultformen und Rituale sowie Weltbild und Lehre der Jaina beschrieben.
Übersicht:
Bei den aus dem Original übersetzten Quellen wird zuerst (I.) die Legende der bedeutendsten historisch fassbaren den Persönlichkeit, den Wanderasketen Mahavira, vorgestellt, ergänzt durch Texte zu Körper und Seele sowie zwei Parabeln. Dann kommen überwiegend weisheitlich orientierte Erzähltexte, die sich mit dem Wesen der Seele und dem Kreislauf der Wiedergeburten befassen (II.). Dem folgen (Parabel-)Beispiele über die Chancen und Gefahren des Erlösungsweges zwischen Gier, Erweckung und Askese (III.). Was bisher stark unter monastischen Aspekten gesehen wurde, bezieht sich im Weiteren auf die Frömmigkeit der Laien mit entsprechenden Argumentationshilfen, z.B. gegen Nihilisten) sowie Anweisungen für Übungen und Wirkungen der Askese (IV.). Der Weg hin zur Vollendung wird schließlich wiederum durch Erzählung und poetisch formulierte Weisheitssprüche beschrieben (V.).
Bedeutung von Parabeln und Weisheitstexten: Die zahlreichen Parabeln haben fast durchweg eine Existenz orientierende Ausdeutung wie z.B. die Parabel von den beiden Straßen: „Der Karawanenführer im Gleichnis, das ist der Wunschedelstein der Dreiwelt, der von Göttern und Dämonen verehrte Jina. Das Verkünden der Einladung zur Reise aber ist die Predigt, gekennzeichnet dadurch, dass sie Anstöße gibt, aber auch unterhält, das Empfinden erregt, aber auch beruhigt. Die Handelsreisenden sind die Seelenwesen (jiva), die in die Stadt der Ewigen Ruhe aufgebrochen sind und darum die Wildnis des Wesenskreislaufes durchqueren müssen. Die Wildnis wiederum ist der Wesenskreislauf (samsara), in dem es die Wiedergeburten als Höllenwesen, Tier, Mensch und Gott gibt. Der gerade Weg ist die asketische Lebensform des Laienanhängers; auch dessen Frucht sollte jedoch am Ende die asketische Lebensform sein“ (S. 129).
Die Lehre:
Aus den Gleichnissen und Anleitungen schält sich insgesamt heraus, wie stark der Jainismus aus der Beseeltheit aller organischen Materie seine spirituelle Kraft zieht. Die unvergänglichen Einzelseelen verkörpern sich unterschiedlich im Wesenskreislauf, werden dadurch zu Individuen, bis sie jenseits davon zur Vollendung gelangen. Dazu verhelfen besonders Vergebungsbereitschaft, Gewaltlosigkeit (Ahimsa) und Askese geprägt ist, Elemente, auf die auch Gandhi bewusst zurückgriff. Ethische Mitte ist darum der Satz: „Ich verzeihe allen Lebewesen, mögen alle Lebewesen mir vergeben, alle Seelen sind meine Freunde, in mir existiert keine Feindseligkeit“. Weil alle, auch Tier und Pflanzen eine Seele haben und gehören zusammen. So ist jegliche Form der Gewalt auch Gewalt gegen sich selbst.“
Zur Geschichte:
Der im 6. Jahrhundert v. Chr. geborene Mahavari (Sanskrit = großer Held) spielt im kosmischen Zyklus als der 24. „Furtbereiter“ (Sanskrit: Tirtankara) eine bedeutende Rolle innerhalb des kosmischen Zeitzyklus, der durch die 24 Tirtankaras geprägt wird. Mahavira gilt auch als „Unbesiegbarer“ (Sanskrit = Jaina / Jina). Nach einer Zeit als Familienvater wurde er ein streng asketisch lebender Mönch und schließlich ein „Allwissender“, der den Zustand der Seligkeit jenseits von Geburt und Tod erlangte. Die ethischen Konsequenzen daraus heißen: Rechte Erkenntnis, rechtes Wissen, rechte Lebensweise mit Ahimsa im Mittelpunkt – im Blick auf alle Wesen. Dazu gehört auch ein strenger Vegetarismus.
Die Unterschiede im Religionsverständnis drücken sich durch die zwei Gruppen innerhalb der Jains aus: Digambaras (die Luft Gekleideten) und die Schwetambaras (die in Weiß Gekleideten).

Man sagt, dass Mahavira zu seiner Zeit etwa 50.000 Mönche und Nonnen und etwa 500.000 Laien als Anhänger hatte. Heute kann man in Indien wohl von etwa 5 Millionen Jainas ausgehen.

Ergebnis:
Das vorgelegte Buch wirkt fast wie ein Grundlagenwerk, um die Ideenwelt des Jainismus zu verstehen. Es erschließt sich den LeserInnen insgesamt dadurch, dass zum einen die Gleichnisse/Parabeln und Weisheitstexte erste Orientierung bieten. Durch die Hintergrundinformationen in den gut verständlichen grundsätzlichen Kommentaren sowie den Detailauslegungen durch die Autorin wird das Wesen dieser aus dem Hinduismus kommenden und etwa gleichzeitig mit dem Buddhismus entstandenen Religion durchsichtiger. Natürlich braucht der/die nicht-fachkundige Leser/in immer wieder auch das Glossar. Überhaupt: Das Buch setzt aber auch bei dem/der Leser/in die Bereitschaft voraus, sich den Hintergründen und Besonderheiten dieser asketisch geprägten Religion aufgeschlossen zu nähern.

Jaina-Adressen (Nordamerika und Deutschland) zur weiteren Vertiefung:
http://www.jaina.org/ — http://www.jainworld.com/ — http://www.jain-germany.de

Reinhard Kirste, Rz-Jaina, 30.01.11