
Martin Schulze Wessel:
Die übersehene Nation –
Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert.
München: C.H.Beck 2025, 288 S.
ISBN: 978-3-406-821745
»Die Ukraine war – und ist zum Teil noch immer –
ein blinder Fleck im mentalen Kartenwerk der Deutschen«
in: Catrin Stövesand: Die verdrängte Geschichte einer schwierigen Beziehung, Deutschlandfunk, o8.12.2025)
>>> Kommentar zum Buch von Alexander Preusse,
in: Schreibgewitter, 07.12.2025
Rezension
Die russische Fehleinschätzung, die Ukraine im Rahmen einer „militärischen Spezialoperation“ innerhalb weniger Tage zu überrollen, gilt 2026 als eines der eklatantesten strategischen Versagen der modernen Militärgeschichte. Mehrere zentrale Faktoren führten zu diesem fatalen Irrtum:
- Unterschätzung des ukrainischen Widerstands: Der Kreml ging davon aus, dass die ukrainische Führung unter Präsident Selenskyj schnell fliehen und die Bevölkerung die russischen Truppen als Befreier empfangen würde. Stattdessen leisteten reguläre Truppen und Bürgerwehren erbitterten Widerstand.
- Logistisches Versagen: Die Planung war auf einen kurzen „Blitzkrieg“ ausgelegt. Als der schnelle Sieg ausblieb, brach die Versorgung mit Treibstoff, Nahrung und Munition zusammen, was unter anderem zum Scheitern des Vormarsches auf Kiew führte.
- Geheimdienstliche Fehlprognosen: Berichte deuten darauf hin, dass russische Geheimdienste (insbesondere das FSB) die Stabilität des ukrainischen Staates massiv unterschätzten, teils um den Erwartungen der Führung im Kreml zu entsprechen.
- Einheit des Westens: Moskau unterschätzte die Entschlossenheit und Schnelligkeit, mit der westliche Staaten die Ukraine mit modernen Waffen (wie Panzerabwehrsystemen) unterstützten und Sanktionen gegen Russland verhängten.
2026: Nach vier Kriegsjahren hat sich der Konflikt zu einem langwierigen Abnutzungskrieg entwickelt. Während Russland rund 20 % des ukrainischen Territoriums besetzt hält, sind operative Durchbrüche wie die Einnahme großer Städte (Odessa, Charkiw) weiterhin nicht in Sicht. Trotz hoher Verluste an Material und Personal setzt Russland den Krieg fort, während die Ukraine weiterhin auf westliche Unterstützung angewiesen ist.
Dass Deutschland wegen der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs eine historische Verantwortung gegenüber Russland besitzt, wird nur selten in Zweifel gezogen. Dass dasselbe mehr noch für die Ukraine gilt, ist dagegen sehr viel weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert. Martin Schulze Wessel legt die erste Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen vor und zeigt, wie eng die deutsche und die ukrainische Geschichte im 20. Jahrhundert miteinander verflochten sind. In seinem lesenswerten Buch zeigt er, wie historische Erfahrungen und Wahrnehmungen bis heute fortwirken, und fragt, was das für unser heutiges Verhältnis zur Ukraine bedeutet. Er stellt heraus:
„Im Ersten Weltkrieg verbanden sich die kolonialen Pläne der Deutschen für Osteuropa mit den Bestrebungen der ukrainischen Nationalbewegung. So wurde die Gründung eines ukrainischen Nationalstaats 1918 durch die deutsche Besatzung des Landes möglich. Auch deshalb suchte Stepan Bandera im Zweiten Weltkrieg die Allianz mit NS-Deutschland, doch Hitlers koloniales Projekt unterschied sich fundamental von dem des kaiserlichen Deutschlands. Die Ukraine wurde zum Zentrum des deutschen Vernichtungskrieges. Nach 1945 verschwand die Ukraine im deutschen Bewusstsein wieder in der Sowjetunion, und auch nach 1991 blieb sie eine vielfach übersehene Nation – mit fatalen Folgen für die deutsche Reaktion auf den russischen Angriffskrieg seit 2014. Wer sich die deutsch-ukrainische Geschichte vergegenwärtigt, dem wird es schwerer fallen, gegenüber dem Schicksal des Landes gleichgültig zu sein. Denn aus historischen Abgründen resultiert eine tiefe Verantwortung seitens Deutschlands gegenüber der Ukraine und ihrer Bevölkerung. 2014/2022 ist der Anfang einer blutigen Renaissance des Landkrieges in Europa. Hätte es sich auch durch eine andere deutsche Politik verhindern lassen?“ Der Autor bewertet die Zögerlichkeit als allzu offene Furcht vor den russischen Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen. Das gilt insbesondere für Angela Merkel, zeigt sich aber bereits 1914 angesichts der Fehleinschätzungen der handelnden Akteure 1914 in ganz Europa und derfehlenden Wachheit der Eliten verbunden mit mangelnden politischen Handlungsspielräumen.
(Vgl. dazu: Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München: DVA 2013 – Amazon mit Leseprobe)
Um es auf den Punkt zu bringen: Das Buch ist ein wichtiger, geradezu notwendiger Impuls zur richtigen Zeit mit deutlich herausgehobenen Einsichten im Horizont einer kritischen Spannungslage in Europa.
Der Autor
Martin Schulze Wessel (*1962) ist Professor für die Geschichte Ost- und Südosteuropas an der
Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 2012- 2016 war er Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands.
Ergänzende Materialien:
>>> Martin Schulze Wessel: Der Fluch des Imperiums. München: C.H. Beck 2023.
>>> Ausführliche IRB-Rezension (Eckhard Freyer) >>>
>>> IRB-Dossier: Konfliktzone Ukraine & Russland und die Folgen für Europa >>>
>>> Daniel Grotzky: „Eigentlich Europa“ Die Ukraine im deutschen Leitmediendiskurs: der Einfluss historischer Deutungsmuster über Ost und West. München, Diss. LMU 2019
>>> Craig Kennedy, Davis Center for Russian and Eurasian Studies, Harvard University.
>>> Marcus M. Keupp: Spurwechsel: Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg. C.H. Beck 2025
>>> Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt – Ein Szenario. 2025. C.H. BECK 2025, 116 S.
(mit Inhaltsverzeichnis und Leseprobe)
>>> Thomas Urban: Zwei Jahre nach dem russischen Überfall. Der Westen kann es sich nicht leisten, dass die Ukraine verliert (Cicero, 24.02.2024).
Prof. Dr. Eckhard Freyer, Bonn