
Bertram Schmitz:
Der Koran in seinem interreligiösen Gestaltungsprozess. Eine religionswissenschaftliche Textauslegung,
Baden-Baden: Tectum Verlag 2025, XIV + 514 S., Register
Print ISBN 978-3-68900-410-1
eBook ISBN 978-3-68900-411-8
Ergänzende Hinweise:
Der Koran: Verstehenszugänge – Vielfalt der Übersetzungen und Kommentare – Bezüge zur Bibel
(IRB Blog-Archiv)
Rezension von Peter Antes
Leitgedanke für dieses Buch ist: Der Koran groovt , d.h. der Koran ist „gleichsam in der Rille, die durch Judentum und Christentum in ihrer gegenseitigen Spannung in der damaligen Situation Muhammads gebildet wurde.“ (S. 3) Dementsprechend heißt es im Vorwort:
„Der Koran groovt im Prozess seiner Ausgestaltung in der Rille der beiden biblischen Religionen Judentum und Christentum, deren Prophetenbotschaft zu bestätigen er herabgesandt wurde – und zugleich gestaltet sich auf diese Weise eine neue, eigenständige Religion, der werdende Islam. Der Fokus des vorliegenden Buches wird sich genau diesem Prozess stellen und auf diese Weise die Inhalte, Fragen und Themen, aber auch die Sprachbilder und Worte des Korans in ihrem religionsgeschichtlichen Kontext nachvollziehbar machen. Warum und woraufhin ist der Koran entstanden – vor allem aber wie verlief der religiöse Prozess der Transformation der beiden biblischen Religionen in den Koran hinein ab, der zu einer neuen Religion führte. Es geht dabei weniger um eine historische Analyse als um ein thematisches Nachvollziehen. Die Frage nach dem Wie ist im eigentlichen Sinn religionswissenschaftlich gemeint. Der religiöse Prozess der Transformation steht dabei im Vordergrund, d.h.: Wie ist der Koran auf der Grundlage von Judentum und Christentum entstanden, was davon hat er wie gestaltet, modifiziert oder abgelehnt? Damit verbunden ist die Frage, wie sich der Prozess der Neugestaltung innerhalb des Korans legitimiert und sich selbst als Wahrheit behauptet. Auf diese Weise wird von jüdischer wie von christlicher Seite her schauend ein Zugang zu den Suren des Korans angeboten.“ (S. V)
Die Darstellung der Inhalte ist in fünf Teile untergliedert.
Teil I: „Hinführung“ behandelt die religionsgeschichtlichen und systematischen Grundlagen des Transformationsprozesses. Dabei „soll der dynamische Aspekt des Korans im Vordergrund stehen. Es geht um den Prozess der Modifikation and Transformation der Referenzreligionen in den Koran und den daraufhin entstehenden Islam hinein. Der spätere Islam als ausgeformte Religion wird nicht mehr Bestandteil der Ausführungen sein“. (S. 4) „Der entstehende Koran konnte religionsgeschichtlich gesehen für seine Dynamik auf die beiden vorhandenen und in hohem Maße etablierten Religionen Judentum und Christentum und auf deren Autorität und Wahrheitsanspruch zurückgreifen. In diesem Sinn musste er gerade nicht neu ansetzen. Vieles von dem, was er verkündete, wurde bereits geglaubt und galt – durch die biblischen Religionen – als autorisiert. Der Koran setzte für seine Verkündung deren selbstverständliche Gültigkeit ebenso voraus wie deren Bedeutung und deren gesamte Symbolik.“ (S. 43f) Wie Jesus die Gültigkeit der Tora und die Botschaft der Propheten anerkannte (vgl. S. 45) und „Paulus und andere Autoren des Neuen Testaments Schriften der Religion Israels mehr oder weniger frei auf Jesus Christus hin gedeutet hatten, so deutet der Koran wiederum die biblischen Schriften auf seine Situation hin und mitunter auch auf sich selbst.“ (S. 86) Schmitz betont dabei den poetischen Charakter des Korans (vgl. S. 82) und schlägt für die Korananalyse Paradigmata aus der Filmwissenschaft vor. „So lässt sich beschreiben, dass im Koran Ereignisse kurz angerissen werden. Sobald die Geschehnisse oder Themen für die Zuhörenden hinreichend deutlich geworden sind, kann ein Schnitt erfolgen und eine nächste Szene einsetzen, die erst auf den zweiten Blick bzw. durch das assoziative Hören mit der ersten Szene verbunden ist. Vielfach kommen die Koransuren in einem Bogen, mehr noch in vielfach ineinander geschichteten Bögen wieder auf das Anfangsthema zurück.“ (S. 78f) Methodisch bedeutet dies eine wichtige Innovation für die Koranforschung, die für Muslime wie Nicht-Muslime gleichermaßen anregend und weiterführend sein dürfte: „Die vorliegende Untersuchung ist religionswissenschaftlich angelegt, d.h. weder theologisch noch im eigentlichen Sinn islamwissenschaftlich. Es geht um den Koran, der gerade erst entsteht. Der Koran wird also dezidiert im interreligiösen und interaktiven Kontext seines Verkündungs- und Gestaltungsprozesses gesehen. In diesem Sinn kommt den beiden biblischen Religionen jeweils dieselbe Bedeutung und dasselbe Gewicht zu wie dem entstehenden Islam.“ (S. 89)
Teil II: „Religionsgeschichtliche Ausgangsposition“ verweist auf weitgehend unbeachtet gebliebene Aussagen von Heinrich Graetz (S. 98) und Theodor Nöldeke (S. 101f) auf das Judentum und das Christentum auf der arabischen Halbinsel. Dabei spielt die Sprache als Abgrenzungsmittel für Religionen und Konfessionen (Hebräisch und Aramäisch für das Judentum, Griechisch für das frühe Christentum, Arabisch für den Islam und Deutsch für den Protestantismus) eine meist unterschätzte Rolle. (vgl. S. 109f) Am Beispiel der Sure 9 wird gezeigt, wie sich der Koran hinsichtlich eines zentralen Konfliktes zwischen Judentum und Christentum verhält. (vgl. S. 141-146) Sein Vorgehen beschreibt Schmitz so: „ Es wird bei den Auslegungen selbstverständlich nicht nach irgendeinem Geheimcode, einer mystischen Tiefenstruktur, einem verborgenen Bauplan oder sonst etwas Obskurem gesucht. Es geht um einen dem Verstand zugänglichen Sinn, um Argumentationsmomente und schließlich um mnemotechnische Hilfen, aber auch um den Versuch, der ästhetischen Wirkung des Korans näherzukommen. Alle diese Punkte sind nicht losgelöst voneinander zu sehen, da Form und Inhalt des Korans auf ihre spezifische Weise miteinander zusammenhängen.“ (S. 181)
Die folgenden drei Teile behandeln ebenso detailliert einzelne zentrale Begriffe bzw. Konzepte des Korans.
Teil III: „Die Offenbarung“ thematisiert das Selbstverständnis des Korans und Muhammads als wahren Propheten. „Muhammad bzw. der Koran müssen gegenüber den biblischen und anderen Religionen begründen, inwiefern Muhammad das Wort Gottes verkündet und inwiefern sein Wort wahr ist.“ (S. 191)
Teil IV: „Die Rechtleitung – Die praktische Seite der Religion“ betont die neue Lehre der Rechtleitung als zentralen Punkt im Verhältnis zu den biblischen Religionen. „Der Islam ist eine Religion, die ihre eigentliche Verwirklichung in der Praxis, d.h. im Vollzug erfährt. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch eine Glaubensformel gibt, die shahada als Zeugnis des einzigen Gottes und Muhammads als seines Gesandten, oder dass Handlungen nicht bewusst vollzogen und mit einer Absichtserklärung (niya) ausgeführt werden sollen. Dennoch wäre es zu kurz, den Islam als einen inneren Akt des Glaubens zu verstehen. Es ist das Agieren, der Weg (sharia) des Handels [sic!] gemäß der Rechtleitung Gottes, was in der Ausgestaltung der Religion entscheidend wird. In diesem Sinn konnten selbst die Grundlagen des Glaubens als ein Akt verstanden werden, den es zu vollziehen gilt. In diesem Teil IV geht es vor allem um den expliziten, praktischen Vollzug dessen, was durch den Koran geboten wird.“ (S. 301)
Teil V: „Das Gericht“ bildet den Abschluss dieser höchst gelehrten Veröffentlichung. „Aus biblischer Perspektive wäre der Koran als Gerichtsprophetie einzuordnen. Auch wenn andere Momente durchaus bedeutsam sind, so geht es in ihm vor alllem um Gottes Rechtleitung (huda/sharia) und das Gericht. Erst durch das Gericht erhält die Rechtleitung ihre Begründung und ihren Ernst, wenn sie nicht, wie in einigen späteren islamischen mystischen Ausrichtungen, um ihrer selbst oder – analog zur Weisung im Judentum – zur Ehre Gottes verwirklicht werden soll. Die Gerichtsvorstellung setzt logischerweise die Offenbarung der Rechtleitung voraus, da diese zum Kriterium des Gerichts wird. Eine reine Gerichtsverkündung ohne eine Verkündung der Rechtleitung, wie sie mitunter in der Koranforschung als Beginn der Offenbarungen Muhammads angenommen wird, macht in sich wenig Sinn. Entweder hätte dann auf die Weisung der Tora zurückgegriffen werden können oder es hätten schon Teile der huda verkündet worden sein müssen, damit »die Menschen« wüssten, wie sie sich verhalten sollten, bevor das Gericht eintritt.“ (S. 415)
Ein Nachwort, Literaturverzeichnis (mit vorzugsweise auf den methodischen Ansatz abgestimmten Publikationen) und Register schließen dieses außerordentlich lesenswerte Buch ab.
Prof. Dr. Dr. Peter Antes
Institut für Religionswissenschaft, Leibniz Universität Hannover
Schloßwender Str. 1, 30159 Hannover
e-mail: antes@irw.uni-hannover.de
https://www.irw.uni-hannover.de/de/antes/