Nicänum und Islam – koranische Neuausrichtungen

Angelika Neuwirth, Dirk Hartwig, Mouhanad Khorchide:
Nizänum und Islam. Debatten des Nizänums in koranischen Suren,
Freiburg-Basel-Wien: Herder 2025, 192 S.
ISBN: 978-3-451-03736-8

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Ergänzend
>>> Thomas Jürgasch / Ahmad Milad Karimi
Jesus – Gottes Sohn? Ein interreligiöses Gespräch zum Konzil von Nizäa
Freiburg/Br.: Herder 2025, 176 S. (IRB-Rezensionen)

>>> Uta Heil / Jan-Heiner Tück (Hg.):
Nizäa – Das erste Konzil. Historische, theologische und ökumenische Perspektiven

Freiburg u.a.: Herder 2025, 480 S. ISBN: 978-3-451-38391-5
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>>> 1700 Jahre Konzil von Nicäa. Das Glaubensbekenntnis des Konzils von Nizäa. Das Konzil von Nicäa und seine Folgen (Wir sind Kirche / KirchenVolksBewegung, 25.06.2025) >>>

>>> Christentum weltweit – Einblicke von den Anfängen bis heute (IRB Blog-Archiv)>>>

Rezension von Peter Antes zu „Nicänum und Islam“
2025 war das Jahr des 1700-jährigen Jubiläums des Konzils von Nizäa von 325, doch „wie die zahlreichen im Jubiläumsjahr erschienenen Publikationen zeigen, ist es gar nicht allein die globale, über die Zeiten fortschreitende Gültigkeit des Glaubensbekenntnisses, an der sich seine Bedeutung festmacht, sondern ebenso die Erscheinungsform des Textes, sein Provokationscharakter, seine poetisch überzeugende Verbalisierung eines revolutionär neuen Diskurses, die ihm sein Fortleben und seine Wirkung sogar über Religionsgrenzen hinaus sichert. Dieser ästhetischen Ausstrahlung des Textes will unser Beitrag nachgehen – und zwar anhand der Spuren, die das ‚Symbolon‘ der dritten monotheistischen Schrift, dem Koran, aufgeprägt hat.“ (S. 51f)

Methodisch heißt dies:
„Als historisch-literaturwissenschaftlich orientierte Spätantike-Forscher betrachten wir – d.h. die Bearbeiter des Corpus Coranicum-Projekts – liturgische Texte wie das Nizänum von einer inklusivistischen Warte aus. Wir nehmen die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in ihrem Ensemble als eine ‚Ökumene‘, als ein einziges übergreifendes Symbolsystem wahr, in das sie über doktrinäre Grenzen hinweg verwoben sind – ein Fakt, das sich ihrer gemeinsamen biblischen Grundlage, aber auch deren lebendigem Fortwirken in der Spätantike verdankt. Mit diesem Standpunkt nähern wir uns der gegenwärtig aufmerksam verfolgten ‚Intertheologie‘ an. Auch sie geht von einem ‚Geflecht von überlappenden, an- und abgrenzenden, komplementären und sich widersprechenden Bezügen“ aus (so Christian Rutishauser) – dies allerdings zwischen bereits etablierten  Religionen. Blickt man für die muslimische Identitätskonstruktion aber nicht auf den klassischen Islam als fait accompli, sondern auf den Koran als noch im Fluss befindliche Kommunikation, die sich an den älteren Traditionen ‚reibt‘, so lässt sich der islamische Anteil an ‚dem Geflecht von überlappenden … Bezügen‘ noch präzisieren: er ist Zeugnis eines Prozesses: nämlich der Inspiration des Propheten und der frühen Gemeinde durch kontinuierliche Begegnungen mit Liturgie feiernden Angehörigen der älteren Religionen.  Die aus solchen Erfahrungen im Gedächtnis haftenden einprägsamen Bilder und Formulierungen bilden einen Thesaurus, einen pool, von Ausdruckselementen, den wir – in lockerer Anlehnung an die von Ophir Münz-Manor und Thomas Arentzen an byzantinischen und hebräischen liturgischen Dichtungen identifizierten Form-Speichern – als ‚soundscape‘, ‚einen mit Referenzen gefüllten Resonanzraum‘, bezeichnen wollen. Unser Beitrag fällt damit aus der gegenwärtig stark rezeptionsgeschichtlich geprägten Koranforschung heraus: statt die Genese des Koran aus schriftlich überkommenen Vorgängertexten zu rekonstruieren, gehen wir von einer kollektiven Rezeption von liturgisch verbreiteten Ausdruckformen aus.“ (S. 58f)

Im Folgenden wird dieses Konzept vor allem an Sure 24 demonstriert sowohl theologisch als auch philologisch. Dabei wird diese Sure in drei Themenkreise untergliedert: halachische Bestimmungen; Licht-Gleichnis (mathal) – und Paränese; Regelungen des sozialen Verhaltens. (vgl. S. 116-118) Der berühmte Lichtvers: „Gott ist das Licht der Himmel und der Erde – Licht über Licht“ nimmt „die christliche Formel ‚Licht vom Licht‘ auf, ersetzt sie aber durch ein Bild, das Gottes Licht als ursprünglich und nicht vermittelt darstellt. Der Koranvers verneint damit nicht das Lichtsymbol des Christentums, sondern richtet es theologisch neu aus.“ (S. 157) Ähnliches gilt für Sure 112. „Der Koran antwortet auf die trinitarische Formulierung des Nizänums mit einer poetischen und zugleich rationalen Alternative: ‚Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich‘“. (S. 158)

Diese wenigen Zitate zeigen , dass sich die Lektüre des Buches sehr lohnt und einen wichtigen Beitrag zu einem neuartigen Verstehen des Koran darstellt. Lobend sind zudem die Appendices mit ihren 13 relevanten historischen Texten zu diesem Buch hervorzuheben.Peter Antes

Prof. Dr. Dr. Peter Antes
Institut für Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover
Schloßwender Str. 1, 30159 Hannover
e-mail: antes@irw.uni-hannover.dehttps://www.irw.uni-hannover.de/de/antes/