Ulrike Freitag:
Geschichte Saudi-Arabiens
Vom Wüstenemirat zur Großmacht am Golf.
München: C.H. Beck 2026, 128 S., 7 Abb., 2 Karten
— ISBN 978-3-406-84959-6
— Inhaltsverzeichnis und Leseprobe >>>
München: C.H. Beck 2026, 128 S., 7 Abb., 2 Karten
— ISBN 978-3-406-84959-6
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Die Autorin Ulrike Freitag (geb. 1962) ist Direktorin des Leibniz-Zentrums Moderner Orient und Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie ist eine der besten Kennerinnen von Geschichte und Gegenwart der Arabischen Halbinsel. Zuletzt erschien von ihr
A History of Jeddah. The Gate to Mecca in the Nineteenth and Twentieth Centuries (via Amazon)
Cambridge University Press 2020, 408 pp. —Inhaltsverzeichnis & Leseprobe >>>.
„Mekka und Medina begründen Saudi-Arabiens religiösen Einfluss, Öl und Gas seine wirtschaftliche Macht, aber auch politisch und kulturell wird das Land zunehmend zum Global Player. Ulrike Freitag schildert die Geschichte des Wüstenstaats von der Gründung eines saudischen Emirats über die Integration unterschiedlicher Herrschaftsgebiete im 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Der Schwerpunkt ihrer souveränen, anschaulichen Darstellung liegt auf dem atemberaubenden Wandel im 21. Jahrhundert, der durch spektakuläre Giga-Projekte wie «The Line» – einer klimaneutralen, 170 Kilometer langen Stadt – international Aufsehen erregt“ (Verlagsinformation). Das Projekt wurde offensichtlich inzwischen aufgegeben:
>>> End of The Line: how Saudi Arabia’s Neom dream unravelled. Mohammed bin Salman’s utopian city was undone by the laws of physics and finance
(Alison Killing, Financial Times, November 6 2025)
>>> Why the World’s Largest Megaproject Collapsed
(Eliot Brown in Wall Street Journal via YouTube, 19.08.2026)
Besprechung
Die Verlagsinformation geht zwar nicht auf Saudi-Arabien als Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina, ein, der Lesende ahnt dagegen wie dieser Ölproduzent auf dem Weg zur diversifizierten Wirtschaftsmacht an der Machtkonzentration als absolute islamische Monarchie festhält. Der sunnitische Islam wird als stabilisierender Faktor mit strikter Durchsetzung des wahabitischen Scharia-Verständnisses von den Anfängen bis in die Gegenwart festgehalten.
Mehr zum Wahabismus:
Hamadi Redissi: Une histoire du wahhabisme. Comment l’islam sectaire est devenu l’islam.
Paris: Seuil 2016, 436 pp u.a. (IRB Blog-Archiv)
Mehr zur Scharia: Zusammenstellung im IRB Blog-Archiv >>>
Ergänzend: Arabische Welt und Asien – Islamische Horizonte (IRB Blog-Archiv)
So entsteht eine spannenden Zeitreise in neun Zeitschritten zur neueren Geschichte Saudi-Arabien:
Im 1. Kapitel wird die Etablierung des «dritten saudischen Staates» erläutert (S. 9 ff). Die Autorin bringt bekannte Fakten: Die Arabische Halbinsel im 19. Jahrhundert und Ibn Abd al-Wahhab sowie das Emirat der Al Saud.
Das 2. Kapitel zeigt die Zeitspanne des Abd al-Aziz ibn Abd al-Rahman Al Saud (1902 –1953) auf: Vom Exil zum Staatsgründer (S. 16 ff): Ibn Sauds Kampf um die Vorherrschaft in Arabien, Internationale Anerkennung und innere Konsolidierung saudischer Machtkonzentration angesichts absolutistischer Herrschaft im Horizont von Wirtschaft und Gesellschaft bis zum Tod Ibn Sauds.
Im 3. Kapitel – Kalter Krieg und Panarabismus auf der Arabischen Halbinsel von 1953 – 1975 (S. 33ff) wird der neue Reichtum und die damit verbundenen sozialen Verwerfungen thematisiert mit den globalen Wirkungen des Kalten Krieges und dessen Folgen auf der Arabischen Halbinsel und die sich stabilisierende konservative Entwicklung durch die Herrschaft Faisals.
Besonders spannend wird es im 4. Kapitel. Das zerrissene Land: Modernisierung und Islamisierung zwischen 1975 – 1995 (S. 47 ff), wo die Islamisierung mit der Ölmodernisierung einhergeht. 1979 wird zum Annus horribilis, als Aufständische die Große Moschee in Mekka besetzten (Deutschlandfunk, 14.11.2019). Die Folgewirkungen wirken sich erheblich auf die Bereiche von Religion und Öl in den 1980er Jahren, potenziert durch den 2. Golfkrieg 1990/1991.
Im 5. Kapitel stehen der Globale Dschihad und innere Stagnation (1990 – 2005) im Mittelpunkt: Islamische Radikalisierung sowie politisch-juristische Verschärfungen im Sinne eines globalen Dschihad. Sie zeigen zugleich die Dilemmata der saudischen Regierung angesichts vorsichtiger Liberalisierungsforderungen aus der Zivilgesellschaft.
Mit dem 6. Kapitel kommt der kuratierte Wandel zur Sprache: Revolution oder Stagnation: Es ist die Phase in Saudi-Arabien, die von König Abdallah ibn Abd al-Aziz (2005 – 2015) geprägt wird: Die Wirtschaft in den frühen 2000er Jahren und die schleichende Liberalisierung. 2011 wird zum kritischen Jahr: Die arabischen Aufstände und ihre Folgen mit regionalen Turbulenzen sowie der notwendige, aber aufgeschobene Generationenwechsel.
Im 7. Kapitel Die Etablierung eines neuen Regimes (S. 90 ff) wird die Neukonfiguration und Konsolidierung der Macht geschildert. Erfindet sich Saudi-Arabiens tatsächlich neu? Immerhin erscheint in der Vision 2030 ein moderater Islam und Nationalismus, und Frauen werden mehr und mehr als sichtbarer Teil der Nation wahrgenommen.
Spannend ist das 8. Kapitel dadurch, dass nun für die Anrainer ein moderater muslimischer Staat oder rabiater Nachbar entstehen könnte, der die Vereinigte Arabische Emirate, Katar und den Jemen besonders (be)trifft. Es ist noch nicht abzusehen wie die Abraham Accords und die Beziehungen zu den USA, zu Russland und China genaue weitergehen.
Abschließend im 9. Kapitel: Ein «vierter saudischer Staat»? blickt die Autorin auf die Vision 2030 gewissermaßen im vorlaufenden Praxistest: Vom Königreich der Langeweile zum Königreich der Unterhaltung, Intensivierung des säkularen Tourismus neben den klassischen islamischen Pilgerzielen Mekka und Medina sowie verstärkte Urbanisierung und Digitalisierung.
Mit einem kurzen Epilog (S. 123 f.) schließt diese versuchsweise auch vorausschauende Einschätzung der Gesamtentwicklung.
Das kompakte Buch mit 128 Seiten skizziert die historische Entwicklung des Landes von den Anfängen bis zur modernen Rolle als globaler Akteur. Der Fokus liegt auf dam 21. Jahrhundert, einschließlich moderner Zukunftsprojekte wie der Planstadt „The Line“.
Blickt man von daher auf Deutschland, so lässt sich sagen, dass nicht nur in Saudi-Arabien, sondern allgemein in arabischen Ländern Deutschland laut einer Umfrage gut eingeschätzt wird, gilt aber kaum als einflussreicher politischer Akteur. Beziehungen zu Israel sind dabei weniger ausschlaggebend – wichtiger sind andere Interessen.
Kurzum: Ein empfehlens- und lesenswertes kompaktes Buch auf hohem Niveau.
Zur Literaturliste:
Aufgrund der sehr begrenzten, besonders deutschsprachigen Literaturliste (S. 125):
— Udo Steinbach: Tradition und Erneuerung im Ringen um die Zukunft: Der Nahe Osten seit 1906.
Stuttgart: . Kohlhammer 2021
— Guido Steinberg: Saudi-Arabien: Politik, Geschichte, Religion. München: C.H. Beck Verlag. 2004
hier einige Ergänzungen:
— Eckhard Freyer: Zu den Auswirkungen reduzierter Öleinnahmen auf die Entwicklung Saudi-Arabiens und die Weltwirtschaft. In: Orient, Heft 2/1984, S. 204 – 222.
— Martin Pabst: Saudi-Arabien verstehen: Geschichte, Religion, Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta 2016
— Toni Riethmaier und Felicia Englmann: Inside Saudi-Arabien: Mein Leben als Deutscher in einem der verschlossensten Länder der Welt. München: Riva 2017
— Alan Philowitz: Saudi-Arabien, Islam und Öl. Kindle Direct Publishing 2013
— Vgl. Öl, Macht und Religion. Alte Rivalen Saudi-Arabien und der Iran, 2018 ZDF
— Dominierend nun der Reiseführer:
Julian Blythe (Eric Konig, Übers.): Saudi-Arabien. Kompletter Reiseführer 2026
Independently published 2026, 146 S., Abb. — Inhaltsverzeichnis & Leseprobe >>>
Prof. Dr. Eckhard Freyer, Bonn