Research in Classics – China im Diskurs mit europäischer Philosophie und Sozialwissenschaft

Research in ClassicsSummer Issue (Apr.–Jun.)No.2 (Overall No. 9), 2026

Editor-in-Chief: Liu Xiaofeng, Professor an der Renmin University of China
Executive Editor-in-Chief: He Fangying: Forscherin an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS)

Social Sciences Academic Press (China), April 25, 2026 —
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Table of Contents

  Essays

  Kalos and Eros in XenophonSymposium / Peng Lei  

  How to Understand „Philosophy as a Practice of Death“ / Wei Minghan  

  Aristotle‘s Function Argument and Civic Virtue / Zhang Xiao  

  A Justification of Eclecticism: Cicero in the Transition of Antiquity
and Modernity / Cheng Zhimin  

  Ontology in Embryo: al-FārābīKitāb al-Ḥurūf Revisited / Cai Zhenyu  

  Unpacking the Subtleties of the Chapter „The Dao Is Not Far from Humanity“
in The Doctrine of the Mean / Tian Feng  

  A Study of the Well-Field System in Mencius from the Perspective
of Confucian Classics / Yi Hongxi  

  Menciuss Substituting a Sheep for an Ox and Zhuangzis Ox-Carving Knife / Zhao Yufan  

  On the Transformation from „Subordinate Sacrifices to the Hundred Deities“ to
„Offering with Devoted Singleness“ / Huang Yongqi  

  Translations 

  Edward Gibbon: une historiographie des Barbares / Yves Charles Zarka  

  Die vielen Tode des Sokrates: Zum Schicksal einer Figur
der abrahamitischen Religionskulturen / Sasha Dehghani  

  Book Reviews

  Rune Nyord’s Yearning for Immortality: The European Invention
of the Ancient Egyptian Afterlife / Dong Fenfang

Kommentar von Sasha Dehghani zu seinem Beitrag Die vielen Tode des Sokrates (Deutsche Zusammenfassung)

Der ursprüngliche Beitrag in Deutsch erschien in:
Grenzgänger der Religionskulturen
Kulturwissenschaftliche Beiträge zu Gegenwart

und Geschichte der Märtyrer
Reihe: Trajekte — Hg.: Martin Treml / Silvia Horsch

Leiden: Brill 2011, 401 S., 40 Abb. — Sasha Dehghani: S. 227 – 242
2019: E-Book ISBN: 978-3-8467-5076-6
2011: Print ISBN: 978-3-7705-5076-0
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Der Artikel „Die vielen Tode des Sokrates: Zum Schicksal einer Figur der abrahamitischen Religionskulturen“ untersucht die historische und theologische „Neuinterpretation“ des Sokrates in jüdischen, christlichen, islamischen und Bahá’í Traditionen sowie in der modernen deutschen Philosophie. Die zentrale These lautet, dass Sokrates als eine transkulturelle Figur fungiert, die die Kluft zwischen göttlicher Offenbarung und menschlicher Vernunft überbrückt. Sein Tod wird dabei von jeder Generation neu interpretiert, um jeweils eigene religiöse oder philosophische Weltbilder zu legitimieren. Der Artikel ist in drei zentrale thematische Abschnitte gegliedert:

Der islamische und Bahá’í Sokrates: Der Autor untersucht, wie mittelalterliche islamische Denker wie Abu al-Hasan al-Amiri – und viele seiner Nachfolger – Sokrates in eine „Genealogie der Weisheit“ einordneten und ihn als einen „Sohn der Prophetie“ darstellten. In dieser Tradition wurde Sokrates’ Monotheismus nicht allein als Produkt unabhängiger Vernunft verstanden, sondern als Weisheit, die auf jüdische Propheten (etwa die Gefährten Salomos) zurückgeht. Diese Erzählung setzte sich im Bahá’í-Glauben fort, in dem Bahá’u’lláh diese prophetische Verbindung bestätigte. Darüber hinaus kann im Bahá’í-Glauben Sokrates’ Loyalität gegenüber dem Staat während seiner Hinrichtung als ein ethisches und gewaltloses Vorbild für Bahá’í gelesen werden, die Verfolgung ausgesetzt sind.

Jüdisch-christliche Antike in Alexandria: Der Artikel zeichnet die frühen jüdischen und christlichen Bemühungen nach, Sokrates als einen Vorläufer der eigenen Glaubenstradition zu beanspruchen. Denker wie Philo und Aristobulos argumentierten, dass griechische Philosophen ihre besten Ideen aus der Tora „übernommen“ hätten. Frühe Kirchenväter wie Justin der Märtyrer gingen noch weiter und behaupteten, Sokrates habe am „Logos“ (dem göttlichen Wort) teilgehabt und sei im Grunde eine „Praeparatio“ gewesen, der für seinen Widerstand gegen den Polytheismus das Martyrium erlitt – ein Vorwurf, der den frühen Christen selbst ebenfalls gemacht wurde.

Und schließlich, die moderne deutsche Philosophie: Der letzte Abschnitt behandelt die Aufklärung und das 20. Jahrhundert, mit besonderem Fokus auf Moses Mendelssohn und Karl Jaspers. Mendelssohn, bekannt als der „Sokrates von Berlin“, nutzte die Figur, um für einen auf reiner Vernunft gegründeten Monotheismus sowie für die Unsterblichkeit der Seele – ohne die Vermittlung prophetischer Offenbarung – zu argumentieren. Karl Jaspers wiederum erhob Sokrates später zu einer weltgeschichtlichen Figur der „Achsenzeit“ und bezeichnete ihn ausdrücklich als „Märtyrer und Zeugen“ der Wahrheit, dessen Sendung göttlich bestimmt gewesen sei. Gegen Ende des Artikels wird noch Leo Strauss‘ These von „Persecution and the Art of Writing“ kurz thematisiert. 

Letztlich zeigt der Artikel, dass Sokrates ein „Grenzgänger“ ist, dessen Vermächtnis immer wieder neu geformt wurde, um die Spannungen zwischen Athen (Philosophie) und Jerusalem (Offenbarung) zu versöhnen.