Dossier: Zentralamerikanisches Bildungsprojekt „Schule für alle“

Abb. 1: Almanach: Schule für alle 2021.

Post-Doc-Forschungsprojekt von Prof. Dr. José Manuel Fajardo-Salinas, Honduras:
Hermeneutische Perspektiven interkultureller Gerechtigkeit
im zentralamerikanischen Bildungsprojekt „Schule für alle“

Die „Schule für alle“ ist ein zentralamerikanisches Bildungsprojekt, das in den 1960er Jahren in Costa Rica entsteht und darauf zielt, die Marginalisierung ländlicher Bevölkerungen zu überwinden und ein gutes Zusammenleben in kultureller und religiöser Diversität zu fördern.

In der Gründungsurkunde des „Zentralamerikanischen Instituts zur Ausbreitung der Kultur“ (Instituto Centroamericano de Extensión de la Cultura) wird die wachsende Kluft zwischen Menschen auf dem Land und in den Städten beklagt und vor allem auch das Fehlen einer gemeinsamen kulturellen Identität. Das Projekt „Schule für alle“ antwortet auf diese Situation mit dem Vorschlag für eine inklusive Bildung, die bei den marginalisierten Landbevölkerungen und jenen der Vorstädte ansetzt.

José Manuel Fajardo Salinas, Professor für Philosophie an der staatlichen Universität von Honduras, kennt diese Situation aus eigener Erfahrung als Sohn einer verarmten Bauernfamilie, die in den 1970er Jahren nach Tegucigalpa gezogen ist. Es ist ihm ein zentrales Anliegen, die Volkskultur und -religiosität der verarmten und marginalisierten Bevölkerungen (auf dem Lande und in den Vorstädten) Zentralamerikas zu erforschen und bekannt zu machen, um mit einer interkulturellen und interreligiösen Erneuerung der Bildung die Grundlage für ein gutes Zusammenleben in pluralen Gesellschaften zu legen.

Zur Präsentation des Forschungsprojekts:

Projecto postdoctoral jmfs.pdf  (span.)

Postdoctoral Project jmfs.pdf (engl.)

Das Archiv des ICECU (= Instituto Centroamericano de Extensión de la Cultura):
https://si.cultura.cr/agrupaciones-y-organizaciones/icecu-instituto-centroamericano-de-extension-de-la-cultura-fundacion.html

Eine wichtige Referenz für die Forschungsarbeit von José Manuel Fajardo ist das Archiv des ICECU. Denn in den Anfragen, die im Rahmen des Projekts “Schule für alle” seit mehr als 50 Jahren bei der Redaktion des ICECU eingehen, geht es immer wieder um die Dimension der Transzendenz und die Beziehung zwischen Gott und Mensch. 

Dieses jahrtausendealte Profil religiöser Identität, das im Archiv des ICECU bewahrt und von der “Schule für alle” respektvoll aufgenommen wird, findet jedoch im Bildungswesen und in der zentralamerikanischen Gesellschaft kaum Resonanz. Daher ist dieses Archiv ein unschätzbares Zeugnis für die kulturelle und religiöse Vielfalt der Bevölkerungen dieser Region. Von seiner Erforschung werden wichtige Impulse für die Erneuerung des Bildungswesens und des Zusammenlebens in kultureller und religiöser Diversität ausgehen.

Seit 2009 zählt das Archiv des ICECU zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Abb. 2: UNESCO-Urkunde zur Aufnahme der Sammlung von Fragen und Antworten des ICECU (=Zentralamerikanisches Institut für die Verbreitung der Kultur) in das “Welterbe von Lateinamerika und der Karibik” aus dem Jahr 2009.

Abb. 3: Einblick in das Archiv, das Briefe mit Fragen an das ICECU aufbewahrt.

Abb 4: Brief Nr. 65870, aus dem Jahr 1973, eingesandt aus El Salvador, mit der Bitte um die Definition von “sozialer Gerechtigkeit” . Der Name des Schreibers ist unkenntlich gemacht, weil es die institutionellen Normen des EPT-Projekts so vorsehen.
Abb. 5: Modell eines Antwortbriefs; Briefkopf mit Datum der Ausarbeitung der Frage, allg. Informationen zum Absender, und entsprechende Nummer im Archiv der Briefe mit Fragen.

Zur interreligiösen und interkulturellen Bedeutung dieser Forschung
Diese Forschung dokumentiert, dass kulturelle Verschiedenheit ein menschlicher Reichtum sein kann. Vom Süden Mexikos bis nach Panamá (Bereich der Bildungsarbeit der “Schule für alle”) weist die Landbevölkerung eine grosse Diversität auf. Denn diese Bevölkerungen mussten über Jahrtausende lernen, in einer äusserst vielfältigen und relativ eng begrenzten Geographie zu leben. Und, was besonders wichtig ist, vor diesem gemeinsamen kulturellen Hintergrund konnte, wie das Projekt der “Schule für alle” zeigt, eine familiäre Verbundenheit entstehen.

Das Projekt der “Schule für alle” konnte mittels moderner technologischer Instrumente zeigen, wie die zentralen Anliegen des Lebens eines Bauern aus dem guatemaltekischen Hochland in den Ohren eines Fischers aus der hondurensischen Karibik eine Resonanz finden oder einer Hausfrau in der costaricensischen Hochebene… und das Wichtigste: wie aus diesem gemeinsamen kulturellen Hintergrund (des Imaginären) eine regionale familiäre Verbundenheit entstehen konnte. Eine Verbundenheit, deren interreligiöse und interkulturelle Grundlagen José Manuel Fajardo mit seinem Post-Doc-Forschungsprojekt vertiefen will, um mit der Erneuerung des Bildungswesens auch die Grundlage für ein gutes Zusammenleben in kultureller und religiöser Diversität zu legen.

Relevanz und Tragweite des Post-Doc-Forschungsprojekts heute:
Vor dem Hintergrund der Situation in Honduras, wo in den letzten Jahren pro Tag fast 100 Menschen das Land verlassen, weil sie dort keine Lebensgrundlage finden und keine Zukunft aufbauen können, setzt die Stiftung Omnis Religio mit der Förderung dieses Post-Doc-Forschungsprojekts ein Zeichen der Hoffnung – für Honduras, aber auch für die zentralamerikanische Region und darüber hinaus auf den lateinamerikanischen Kontinent. 

Ein Lesetipp (spanisch):

In dieser Ausgabe befindet sich auch ein Beitrag von José Manuel Fajardo über kommunikative, technologische und existentielle Dimensionen im zentralamerikanischen Bildungsprojekt „Schule für Alle“ (spanisch).
Link zur Ausgabe Vol. 111, no. 11 (2019): https://revista.celei.cl/index.php/PREI/issue/view/13

Dr. Helene Büchel, Liechtentein