Dossier: Indigenes Wissen in der indigenen Schule.

http://www.ufrgs.br/saberesindigenas/

Die Kosmologie der Kaingang und Guaranì

Ein Post-Doc Programm in Rio Grande do Sul, Brasilien

„Indigenes Wissen in der Schule“ ist ein Post-Doc-Programm, das seit 2014 an der Staatlichen Universität Rio Grande do Sul besteht und von indigenen und nicht-indigenen Professoren und Studierenden der UFRGS gemeinsam mit den indigenen Gemeinschaften der Kaingang und Guaranì konzipiert, erarbeitet, durchgeführt, evaluiert und weiterentwickelt wird.

Dieses interkulturelle und interreligiöse Bildungsprogramm ist an der Fakultät für Erziehungswissenschaften angesiedelt und wird von Magali Mendes de Menezes, Prof.in für Erziehungswissenschaften an der UFRGS, gemeinsam mit Maria Aparecida Bergamaschi, Dozentin und Forschungsbeauftragte am erwähnten Institut, und Bruno Ferreira, promovierter indigener Erziehungswissenschaftler und Lehrer an einer indigenen Schule, koordiniert.

Ziel ist, den Aufbau von indigenen Schulen zu fördern, die Rolle dieser Schulen in den Dörfern zu stärken und didaktische und pädagogische Materialien zu erarbeiten, die diesen Völkern entsprechen. [cf. Präsentation dieses Bildungsprogramms auf der Webseite der staatlichen Universität Rio Grande do Sul:  http://www.ufrgs.br/saberesindigenas/]

Interessante Einblicke in diese interkulturelle und interreligiöse Bildungsarbeit bietet die Gesamtdarstellung des Projekts: Projeto Saberes indígenas en la escuela
in deutscher t. Übersetzung: Projekt indigenes Wissen in der Schule.

Zu den wichtigsten Ergebnissen dieses Bildungsprogramms zählt die Erarbeitung und Publikation didaktischer und pädagogischer Materialien:

Hier drei Beispiele:

1. Das Buch „Jereroayu“ (von der Gruppe Guaranì ausgearbeitet)

Abb. 1: Jereroayu

Das Buch Jereroayu wurde von indigenen und nicht-indigenen Kursteilnehmer/-innen gemeinsam erarbeitet. Es hält das Wissen aus der indigenen Lebensweise, die Prinzipien indigener Bildung fest, wie sie die Ältesten bei Begegnungen überliefern.

So sollen diese Werte der indigenen Kultur für die Gesellschaft sichtbar gemacht werden, und zu einem guten gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenleben beitragen.

2. Das Buch „Kanhgág vi ki“ (von der Gruppe Kaingang ausgearbeitet).

Abb. 2: Kanhgág VI KI

Das Buch Kanhgág vî ki ist für die Alphabetisierung in der Muttersprache konzipiert. Es stellt die Früchte und Vögel der Region vor und enthält Erzählungen aus der Kosmologie, die in Texten und Illustrationen dargestellt werden. Dabei wird auch die Vielfalt an Kaingang-Dialekten berücksichtigt.

Zum Buch gibt es auch Übungsblätter, sowie eine CD mit traditionellen Liedern.

3. Ein besonderes Element der indigene Bildungsarbeit ist die Karthographie.
Sie gibt Einblick in das Leben und die kulturelle Identität lokaler Gemeinschaften.

Diese praktische Bildungsarbeit wird von einer intensiven wissenschaftlichen Forschungsarbeit begleitet. Aus der jüngsten Forschungsarbeit sind hervorzuheben: 

  • Bruno Ferreira / Magali Mendes de Menezes / Maria Aparecida Bergamaschi: Memória e (re)existência: a trajetória intercultural da Ação Saberes Indígenas na Escola (Memory and (re)existence: the intercultural path of the program Indigenous Knowledge at School), in: Tellus, Campo Grande, MS, ano 20, n.43, p. 193-216m set./dez. 2020.

DOI: http://dx.doi.org/10.20435/tellus.vi43.704

Interkulturelle und interreligiöse Bildungsarbeit – ihre Relevanz und Tragweite

Diese innovative Bildungsarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Förderung der indigenen Gemeinschaften und für den Aufbau eines guten Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft. Sie weckt auch hohe Erwartungen.

Ein historisches Ereignis für die Gemeinschaften der Kaingang bedeutete die Promotion von Bruno Ferreira am 12.2020 an der UFRGS. Die Verteidigung seiner Dissertation am 8.12.2020 ist auf youtube dokumentiert: https://www.youtube.com/watch?v=6pwrOGHprpU .

Für die indigenen Gemeinschaften ist Bruno Ferreira ein Hoffnungsträger: mit seiner Promotion hat er den Indigenen das Tor zur akademischen Bildung geöffnet. Sein berufliches Ziel ist, als Professor für Erziehungswissenschaften eine interkulturelle und interreligiöse Erneuerung der Bildung voranzubringen.

Das Bildungsprogramm „Indigenes Wissen in der Schule“ vor aktuellen Herausforderungen

Dieses seit 2014 bestehende Bildungsprogramm wurde von der Regierung unterstützt.

2021 sollte das Post-Doc-Programm „Indigenes Wissen in der Schule“ zum fünften Mal an der Nationalen Universität Rio Grande do Sul, Porto Alegre, durchgeführt werden. Doch die Regierung hat sich Ende 2020 aus diesem staatlich geförderten Projekt zurückgezogen; und ohne finanzielle Mittel war es nicht möglich, dieses Programm fortzuführen.

Dank der Unterstützung durch die Stiftung Omnis Religio ist es möglich, diese interkulturelle und interreligiöse Bildungsarbeit weiterzuführen.

Dr. Helene Büchel, Liechtenstein