Reise in die Anderwelt: Der altägyptische Jenseitsführer aus dem Neuen Museum Berlin

Gesamtansicht des altägyptischen Jenseitsführers (Kopie): 178 x 26 cm – Die Reise des Sonnengottes durch den Nil in die Nacht und seine Wiedergeburt am nächsten Morgen:
Ein ägyptisches Grundmuster von Leben, Sterben und Weiterleben nach dem Tod.

Aus dem Totenbuch des Wirtschaftsvorstehers Amun-em-wija . — 21. Dynastie: 1071 – 946 v. Chr. —
Papyrus Berlin 3127, Original im Neuen Museum Berlin

Altägyptischer Jenseitsführer. Papyrus Berlin 3127
Original im Neuen Museum Berlin

Alter: 21. Dynastie (Dritte Zwischenzeit) zwischen 1071 und 946 v. Chr. – aus dem Totenbuch des Wirtschaftsvorstehers Amun-em-wija
Mit Bemerkungen zur Totenliteratur der Ägypter
Hg. Siegfried Morenz

Edition Leipzig [1964], Ausgabe 1966 , 24 S. [1980, 5. Aufl.]
Weitere Auflagen bis 2018
Papierrolle mehrfarbig, 180 x 26 cm + Beilage, 24 S. Katalog-Nr. 5363 der IRB


„Natürlich richtete sich der Aufwand nach Stand und Besitz des Verstorbenen, aber in überwiegend bescheidener Form wurde im Laufe der Zeit jeder Ägypter als Mumie mit Wohnung und Beigaben bestattet. Freilich blieb der Grundgedanke nicht so einfach, wie er anfangs gewesen sein mag. Bald hielt man ein Ritual, also eine von Sprüchen begleitete heilige Handlung, für nötig, um die Organe des Toten in gebrauchsfähigen Zustand zu versetzen. Dem Toten wurden z.B. Mund und Augen „geöffnet“, sie wurden also beweglich und benutzbar gemacht. So konnte er essen und trinken oder das Licht sehen. Gewiss, auch gegenüber dieser komplizierten bzw. abgeschwächten Form der Vorstellung vom lebenden Leichnam wurden Zweifel laut. Aber trotzdem mochten die Ägypter niemals auf die Versorgungsbräuche verzichten, die darauf beruhen. Damit haben wir die eine, im Menschen selbst ruhende Grundlage der ägyptischen Totenliteratur kennengelernt. Denn wer gebrauchsfähige Augen hat und sehen kann, der kann (jedenfalls physisch) auch lesen, und wer den Mund zu bewegen vermag, der vermag auch das Gelesene zu rezitieren. Überdies hätte es dem Toten auch Nutzen gebracht, Texte und Bilder einfach bei sich zu haben, da sie durch ihre bloße Gegenwart zu wirken vermögen. 
„

Der Autor Prof. Dr. Siegfried Morenz (1914-1970), Ägyptologe und Religionshistoriker, 1952–1961 und 1966–1970 Direktor des Ägyptologischen Instituts der Universität Leipzig. Dazwischen lehrte er als Professor für Ägyptologie und Religionsgeschichte an der Universität Basel.
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Aus dem Totenbuch des Wirtschaftsvorstehers Amun-em-wija. 
21. Dynastie: 1071 – 946 v. Chr. – Papyrus Berlin 3127, Original im Neuen Museum Berlin

Dieses Totenbuch ist wie alle  ägyptischen „Jenseitsführer“ eine Sammlung von Zaubersprüchen, Beschwörungsformeln und liturgischen Anweisungen
für die Reise in das Jenseits.
Der Tote muss auf dem Weg dorthin (Fahrt über den Nil) mehrere Prüfungen bestehen
und kommt vor ein Totengericht (Detailbild 2).
Erst  nach Bestehen aller Prüfungen kann sich die Seele
mit ihrem Leichnam, der Mumie, in der Unterwelt vereinigen (Detailbild 3).

Die Reise des Sonnengottes: Seine Fahrt des über den Nil (links) und seine Wiedergeburt am nächsten Morgen. Grundmuster für das Sterbe- und Auferstehungsritual im alten Ägypten: Nach der Fahrt über den Nil kommt der Weg der Prüfungen.

Der Weg des Toten führt durch mehrere Prüfungen hindurch bis hin zum Totengericht

Während der Sonnengott nach seinem Weg durch das Totenreich am nächsten Morgen wieder aufersteht, wird die geprüfte Seele des Toten mit seinem Leichnam in der Unterwelt vereinigt und damit zum Leben in das Reich des Osiris geführt.

Das Berliner Ägyptische Museum und die Papyrussammlung sind nicht nur wegen der Nofretete-Büste berühmt,
sondern auch wegen der großen Papyrussammlung, die inzwischen digital erschlossen wurde: Berliner Papyrusdatenbank (BerlPap) mit den griechischen un dlateinischen Texten vom 4. Jh. v.Chr. – 7. Jh. n.Chr..

Literaturhinweise:

— Siegfried Morenz. Gott und Mensch im alten Ägypten.
Leipzig: Koehler & Amelang 1984, 2. erw. Aufl., 203 S., Abb., Register, 1 Karte
— Erik Hornung: Das Totenbuch der Ägypter.
Eingeleitet, übersetzt und erläutert.
Zürich/München: Artemis 1990, 544 S., Index
(Unveränderter Nachdruck von 1970) — ISBN 3-7608-1037-3
–— Albert Champdor: Das Ägyptische Totenbuch in Bild und Deutung (Bearb. / Hg.: Manfred Lurker) – Aus dem Französischen: Le Livres des Morts (1977)
Bindlach: Gondrom 1992, 231 S., Abb., Begriffserklärungen

— Jan Assmann / Andrea Kucharek (Hg.): Ägyptische Religion. Totenliteratur.
Berlin: Verlag der Weltreligionen 948 S. —ISBN-10 ‏ : ‎ 3458700110 — ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3458700111
— Holger Kockelmann: Totenbuch (bibel.de ) mit ausführlichen Literaturverzeichnis >>>